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Brennende Obdachlosenzelte+++Fleißige Friseure+++Leidenschaftliche Sterngucker

Potsdam ganz nahPotsdam ganz nah
Lieber Leserinnen und Leser,
kennen Sie den Liedermacher „Bummelkasten“? Ich zitiere mal: „Jetzt steh ich hier im Garten. Nichts kommt mir in die Quere. Herr Nachbar, schauen ‘se mal. Meine neue Heckenschere! Weg mit der Hecke, weg, weg mit der Hecke!“ Man könnte auch sagen: Runter mit der Matte! Ich beneide alle, die schon wieder die Freiheit um die Ohren und im Nacken spüren. Ich gehöre nicht dazu. Ich glaube, bei meinem Friseur bin ich in der untersten Kategorie der Prioritätenliste – vor mir sind mindestens noch die Wilmersdorfer Witwen dran, die wieder dunkel gefärbt werden wollen. Dabei gehöre ich doch mit zahlreichen angeborenen Wirbeln zur Risikogruppe für verkorkste Scheitel!

Mein Kollege Feliks Todtmann war am Tag, als Friseure und Barbiere endlich wieder öffnen durften, jedenfalls in der Schlange eines Friseurs in Potsdam und hat zugeschaut, wie im Akkord geschnitten, getrimmt und geföhnt wurde. Eine Galerie mit entzückenden Vorher-Nachher-Bildern aus dem gesamten MAZ-Gebiet gibt es hier.

Zurück zur Hecke. Die dürfen Sie jetzt nämlich nicht mehr schneiden, weil mit dem Monat März auch die Vegetationszeit begonnen hat. Doch es gibt noch mehr im Garten zu tun. Es treibt schon aus und pünktlich haben nun auch wieder die Gartencenter geöffnet. Da ist es vermutlich noch voller als beim Friseur, denn in Berlin dürfen die Pflanzenmärkte noch immer nicht öffnen. Zum Glück fahren U- und S-Bahn nicht bis zum Rosengut nach Langerwisch oder in den Foerster-Garten in Bornim. Weil die Öffnung sehr plötzlich kam, blieb den Gärtnern nur wenig Vorbereitungszeit. Was die Kundschaft nun erwarten darf, lesen Sie hier.

Schlangen von Kundschaft bilden sich in diesen Tagen auch vor den Apotheken und Corona-Testzentren. Denn seit gestern haben alle Potsdamer Anspruch auf einen kostenlosen Schnelltest. Hier lesen Sie, wo Sie sich kostenlos testen lassen können, wie viele Tests am ersten Tag durchgeführt wurden – und wie viele positive Ergebnisse es gegeben hat.

Leider besteht die Welt nicht nur aus witzigen Frisurenfotos und einem Aufblühen von Gärten und Gartencentern. Der Prozess gegen den Serienvergewaltiger, der im Sommer in Potsdam, Kleinmachnow und Berlin Frauen aufgelauert hatte, wurde weiter geführt. MAZ-Reporterin Konstanze Kobel-Höller schildert, was Polizisten vor dem Berliner Landgericht am Montag aussagten. Sie beschrieben die Festnahme des 30-Jährigen als Hetzjagd durchs Dickicht, über Gleise, Mauern und Gärten.

Da wirkt es beinahe banal, dass auch die ganz normale Politik voranschreitet. Doch die Bundestagswahl steht bevor – und alle Welt wird in den kommenden Monaten auf Potsdam schauen, wo der Vizekanzler Olaf Scholz und die Parteichefin der Grünen, Annalena Baerbock, das Direktmandat gewinnen wollen. Nun steht fest, wer auf Seiten der AfD die Herausforderung im Wahlkreis 61 annimmt.

Der Vizekanzler ist ja schon in bester Wahlkampflaune und hat mit einem volksnahen Thema immerhin schon Aufmerksamkeit bekommen: die Nutzung des Welterbes durch die Bevölkerung. MAZ-Karikaturist Jörg Hafemeister war jedenfalls not amused über die Aussagen zu den königlichen Gärten. Aber lesen Sie selbst - am Ende dieses Newsletters.
Ihr
Peter Degener
Redakteur der Lokalredaktion Potsdam
PS: Sie haben Fragen, Anregungen, Kritik? Dann schreiben Sie uns an potsdam-newsletter@maz-online.de. Ich freue mich auf Ihr Feedback!
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Das Stadtgespräch

Das Zeltlager an der Seerose stand in Flammen. Verletzt wurde zum Glück niemand. Foto: privat
Das Zeltlager an der Seerose stand in Flammen. Verletzt wurde zum Glück niemand. Foto: privat
Hat es in Potsdam gezielte Anschläge auf Unterkünfte von Obdachlosen gegeben? Die Vermutung liegt nahe, nachdem am Wochenende innerhalb weniger Stunden zwei Zeltlager - an der Breiten Straße sowie an der Potsdamer Straße in Bornim - in Flammen aufgegangen sind. Menschen sind zum Glück nicht verletzt worden, dank des beherzten Eingreifens von Passanten konnten auch die Brände schnell gelöscht werden. Ob es gezielte Anschläge waren? Ob sie im Zusammenhang stehen? Das versucht nun die Polizei zu ermitteln.
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Die Corona-Lage

Im landesweiten Vergleich steht Potsdam beim Blick auf die Infektionslage mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 37,7 (Stand Montag) aktuell verhältnismäßig gut da (Brandenburg: 64,4). Doch auch hier steigen die Zahlen wieder leicht - und viele fragen sich, ob die zunehmende Ausbreitung der Corona-Mutationen, allen voran die britische Variante B.1.1.7., dafür verantwortlich ist.
Beim Blick auf die jüngsten Ergebnisse der Mutanten-Suche kann Tillmann Schumacher, Internist, Infektiologe und Leiter der Covid-Station im Bergmann-Klinikum, zumindest so viel schon sagen: “Die Virusvariante B.1.1.7 ist in Potsdam angekommen.” Und: “Wir befinden uns am Beginn einer dritten Welle.“ Auch im Klinikum bekommen sie das inzwischen zu spüren, mussten nun erstmals auch außerhalb der Covid-Stationen mit einem kleinen Ausbruch der Mutation B.1.1.7. kämpfen.
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Verkehr aktuell

Die A10-Autobahnbrücke in Richtung Dreieck Havelland wird abgerissen. Foto: Varvara Smirnova
Die A10-Autobahnbrücke in Richtung Dreieck Havelland wird abgerissen. Foto: Varvara Smirnova
Es gibt wieder mal Neuigkeiten vom Leipziger Dreieck. Am Mittwoch wird eine neue Bauphase eingerichtet. Dazu müssen die Ampeln am Leipziger Dreieck und an der Kreuzung Lange Brücke/Friedrich-List-/Babelsberger Straße abgeschaltet werden. Also Achtung!
Merken sollten Sie sich zudem den 6. März. Dann wird nämlich ab 18 Uhr bis zum nächsten Morgen um 9 Uhr die B273 gesperrt. Der Grund: Die A10-Autobahnbrücke in Richtung Dreick Havelland wird abgerissen, eine Umleitung wird über die L204, Priort, Kartzow wieder zur B273 ausgeschildert. Empfohlen wird die Umfahrung über die Autobahn und die jeweils nächste Autobahnanschlussstelle. 
Für Straßen- und Leitungsbauarbeiten muss zudem die Ortsdurchfahrt Seeburg (L20) für den Verkehr gesperrt werden. Großräumige Umleitungsstrecken über die Bundesstraßen 2, 5 und 273 sowie die A10 und die Landesstraße 92 sind in beiden Richtungen mit den Zielen Falkensee bzw. Potsdam ausgeschildert. 
Was sonst noch so los ist diese Woche auf Potsdams Straßen, lesen Sie hier.
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Die besondere Geschichte

Foto: Bernd Gartenschläger
Foto: Bernd Gartenschläger
Matthias Steinmetz ist Direktor des Astrophysikalischen Institutes in Potsdam, seine Leidenschaft sind die Sterne. Doch mit romantischen Nächten unterm Sternenhimmel hat sein Arbeitsalltag nicht mehr viel zu tun. Über Kalifornien und Arizona führte ihn die Karriere 2002 nach Potsdam zum AIP, wo er nicht nur Direktor ist, sondern auch den Bereich Extragalaktische Astrophysik leitet. 25 Jahre lang hat er das Universum erforscht, aber kein Teleskop mehr aufgebaut. Doch dann kam Neowise und lockte ihn wieder in die Nacht hinaus. Inzwischen steht hinter seinem Haus in Babelsberg Nord sogar ein kleiner Refraktor - ein Teleskop im Fernrohrdesign. Dort hat ihn meine Kollegin Ina Schmiedeberg getroffen, ihr Porträt über die Leidenschaft fürs Sternegucken und seine Jagd nach Galaxien lesen Sie hier.
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Bilderrätsel: Wo ist das?

Wo ist das in Potsdam? Foto: Peter Degener
Wo ist das in Potsdam? Foto: Peter Degener
Diese Aussicht! Man stelle sich vor, hier zu wohnen – doch das war nur ganz wenigen Menschen vergönnt, man kann sie vermutlich an wenigen Händen abzählen. Immerhin darf die Öffentlichkeit auf ihrem Spaziergang unterhalb der Terrasse mit der langen Pergola Platz nehmen und die gleiche Aussicht genießen.
Acht gusseiserne Bänke, die mit gotischem Maßwerk verziert sind, luden über 100 Jahre dazu ein, bevor sie wegen schwerer Schäden für Jahrzehnte entfernt werden mussten. Seit 2015 stehen immerhin wieder vier Bänke an dieser schönen Stelle. Über den Ausblick sei nur so viel verraten: Er reicht so weit, dass man über Ländergrenzen hinweg schauen kann.
Wenn Sie die Antwort kennen, schicken Sie uns bis zum 4. März eine E-Mail mit dem Betreff “Bilderrätsel” an potsdam-newsletter@maz-online.de. Vergessen Sie Ihre Postadresse nicht, denn Sie können ein kleines Paket gewinnen.
Rätsel: Peter Degener
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Das ist los im Umland

Foto: Konstanze Kobel-Höller
Foto: Konstanze Kobel-Höller
Von Waldpflege spricht der Investor, als Kahlschlag bezeichnen es Beobachter: Auf einem Grundstück neben den Stahnsdorfer Upstallwiesen fiel am vergangenen Wochenende ein großer Teil des Waldes den Motorsägen zum Opfer. Für diese Fläche war der Eigentümer erst im Herbst in der Gemeindevertretung mit seinen Plänen für fünf Stadtvillen abgeblitzt. Wollte er jetzt Tatsachen schaffen?
Die Kita Pusteblume in Teltow. Foto: Konstanze Kobel-Höller
Die Kita Pusteblume in Teltow. Foto: Konstanze Kobel-Höller
Mit der britischen Corona-Variante infiziert haben sich mehrere Erzieherinnen, Eltern und mindestens ein Kind in zwei Teltower Kitas. Das Gesundheitsamt fand im Laufe seiner Untersuchungen heraus, dass eine der Erzieherinnen trotz Covid-19-Symptomen noch mehrere Tage zur Arbeit gegangen war – mit Unterstützung von Schmerzmitteln. Unterdessen fühlen die Eltern sich alleingelassen.
Foto: Varvara Smirnova
Foto: Varvara Smirnova
In Werder ist gerade ordentlich was los: Die Sanierung der verfallenen Ausflugsgaststätte auf der Friedrichshöhe ist in weite Ferne gerückt. Denn gegen die Eigentümer-Gesellschaft ermittelt die Staatsanwaltschaft – es geht um einen internationalen Finanz-Skandal mit Anlage-Betrug. Im Spiel ist außerdem Insolvenz. Das sind keine guten Aussichten. Ebenfalls ungemütlich wurde es in einer Ausschuss-Sitzung, in der die Stadtmitgestalter forderten, den Ex-Bürgermeister und Ehrenbürger Werner Große (CDU) als Mitglied in Sachen Rechnungsprüfung austauschen, um mögliche Korruptionsvorwürfe zu vermeiden.
Denn es geht um die Frage, wie viel städtisches Geld während der gescheiterten Partnerschaft mit der Kristall-Bäder AG tatsächlich in die Blütentherme geflossen ist – ein Vorgang, der sich in Werner Großes Amtszeit abspielt. Aber der Alt-Bürgermeister genießt großes Vertrauen und Ansehen in der Stadt. Ein Thema, das also für Zündstoff gesorgt hat. Eine Überraschung gab es beim Kauf des Scala Kulturpalastes. Nach einem Jahr Verhandlungen hat ihn der eigene Förderverein nun erworben, für 350.000 Euro – aber anders als geplant
Foto: Varvara Smirnova
Foto: Varvara Smirnova
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Unser Buchtipp der Woche

Wie dröselt man seine Familiengeschichte auf? Vor allem dann, wenn die meisten Familienmitglieder schon verstorben sind. Die Erzählerin in Monika Helfers “Die Bagage” behilft sich, indem sie sich auf ihre Großmutter konzentriert. Maria heißt sie und lebt Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Österreich mit ihrem Mann Josef und ihren Kindern in sehr einfachen Verhältnissen. Im Dorf wird sie für ihre außergewöhnliche Schönheit gleichzeitig bewundert und verachtet. Die Männer begehren sie, die Frauen beneiden sie. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird ihr Mann eingezogen und Maria muss sich mit den Kindern allein behaupten.
Foto: Sarah Kugler
Foto: Sarah Kugler
Helfer erzählt hier nicht nur eine Familiengeschichte, sondern vor allem vom Leben einer Frau, die ihrer Zeit, der Gesellschaft und ihren Zwängen ausgesetzt ist. Die versucht, so selbstbestimmt wie möglich zu leben und doch immer wieder Kompromisse eingehen muss, um sich und ihre Kinder durchzubringen. In einer sehr feinen Sprache erzählt Helfer ihre Geschichte, mit Sätzen, die aus Seide gesponnen scheinen, so sanft lesen sie sich.
Gerade dieser Sprachstil ist es, der den kurzen Roman zu einem kleinen Kleinod macht, zu einer Melodie, die sanft ins Ohr fließt und lange dort verweilt.
Übrigens: Vor kurzem erschien Monika Helfers Roman „Vati“, der sich mit der Geschichte ihres Vaters auseinandersetzt und ebenfalls verspricht, ein sehr besonderes Leseerlebnis zu werden. 
Tipp: Sarah Kugler
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Das Letzte kommt zum Schluss: Hafemeister

In seinem ersten digitalen “Zukunftsgespräch” hat der SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl in Potsdam, Olaf Scholz, Unverständnis für die Haltung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten geäußert - und sich gegen ein Rodel- und Badeverbot in den Parks ausgesprochen. Damit hat er sich in der Stadt nicht nur Freunde gemacht - auch MAZ-Karikaturist Jörg Hafemeister wundert sich:
“Lieber Olaf Scholz, ich mag Sie, ehrlich! Aber ich wundere mich. Es gibt so viele Sachthemen, wo Ihre Expertise gefragt ist. Das Weltkulturerbe gehört nicht dazu. Wäre doch doof, wenn der Potsdamer Wahlkreis 61 wegen Ihres Rodel-Populismus zur Bundestagswahl mit Ihnen Schlitten fahren würde und Sie dabei baden gehen. Wäre schade um Ihre Expertise.”
Zeichnung: Jörg Hafemeister
Zeichnung: Jörg Hafemeister
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